
Patricia Commun
Ludwig Erhard
1897-1977
Leben
Ludwig Erhard wurde am 15. September 1949 im Alter von 53 Jahren zum ersten Wirtschaftsminister der Bundesrepublik Deutschland ernannt. Der Weg zu diesem Amt, in dem Erhard zur Symbolfigur für den wirtschaftlichen Erfolg Nachkriegsdeutschlands wurde, verlief aber alles andere als gradlinig.
Erhard wurde am 4. Februar 1897 im fränkischen Fürth als zweites von vier Kindern geboren. Seine Eltern, Wilhelm und Augusta, betrieben ein Wäsche- und Ausstattungsgeschäft. Nach einer kaufmännischen Lehre meldete sich Erhard 1916 freiwillig zum Kriegsdienst. Kurz vor Kriegsende wurde er schwer verwundet, so dass eine körperlich belastende Arbeit – wie im elterlichen Geschäft – für ihn nicht mehr möglich war.
Statt dessen schlug er die akademische Laufbahn ein: Erhard besuchte ab 1919 die Handelshochschule Nürnberg, wo er 1922 nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre den Titel eines Diplomkaufmanns erwarb. 1925 schloss er seine Doktorarbeit bei dem Soziologen Franz Oppenheimer in Frankfurt ab, 1928 wurde er Assistent an dem der Hochschule Nürnberg angegliederten „Institut für Wirtschaftsbeobachtung“, das von seinem Lehrer Wilhelm Vershofen geleitet wurde. Dort war er als Redakteur der Zeitschrift „Deutsche Fertigindustrie“ tätig und trat in zahlreichen Beiträgen für Freiheit im Außenhandel und eine freie Marktwirtschaft ein.
Von 1936 bis 1942 führte er hauptsächlich im Auftrag der „Reichsgruppe Industrie“ marktwirtschaftliche Untersuchungen durch. 1944 gehörte er zu den Widerstandszirkeln, die das von der Kriegsfinanzierung verursachte gravierende Haushaltsdefizit und die zusätzlich durch Preiskontrollen geförderte „versteckte Inflation“ anprangerten.
1945 kam seine, damals eher seltene, liberale Gesinnung den Vorstellungen der amerikanischen Besatzungsmächten entgegen, und er schaffte als wissenschaftlicher Außenseiter den Sprung in die Politik. Nach einer kurzen Zeit als Staatsminister für Wirtschaft im bayerischen Kabinett Wilhelm Hoegner wurde er ab Oktober 1947 Leiter der Sonderstelle Geld und Kredit bei der Verwaltung für Finanzen der britisch-amerikanischen Zone. Anfang 1948 ernannte man ihn zum Direktor der Verwaltung für Wirtschaft dieser Zone. Seine wissenschaftlichen Berater dieser Zeit waren u.a. Walter Eucken und Leonhard Miksch. Nach seiner Ernennung zum Wirtschaftsminister durch Konrad Adenauer stand ihm von 1952 bis 1962 u.a. Alfred Müller-Armack als Staatssekretär zur Seite.
Ab 1948 begann Erhard einen langen und unermüdlichen, von ordoliberalen Wissenschaftlern publizistisch unterstützten Kampf für die Durchführung einer konsequent liberalen Ordnungspolitik, die eine Soziale Marktwirtschaft verwirklichen sollte. Im Juni 1948 verkündete Erhard die Währungsreform sowie die Aufhebung der Preisbewirtschaftung.
Das als „Wirtschaftswunder“ bezeichnete rasante Wirtschaftswachstum der fünfziger Jahre ist zum Teil Erhards hartnäckig durchgeführtem Liberalisierungskurs zu verdanken, der es der Bundesrepublik erlaubte, an der wiederauflebenden Weltkonjunktur teilzuhaben. Die Abkehr der CDU von der „Planwirtschaft“, das Festhalten an der Preisbefreiung trotz einer Anfang der 1950er Jahre öffentlich immer wieder geforderten Rückkehr zu Preiskontrollen, das 1957 verabschiedete Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen sowie die freie Konvertibilität der Deutschen Mark 1958 sind zum großen Teil seinem politischen Wirken zu verdanken. Erhards Versuch, 1957 eine am Produktivitätsfortschritt – statt an der Lohnentwicklung – orientierte dynamische Rentenformel durchzusetzen, scheiterte hingegen.
Erhards Kampf um eine Liberalisierung des Außenhandels gründete auf der Idealvorstellung einer internationalen, freien und arbeitsteiligen Wirtschaft. 1949 trat die Bundesrepublik Deutschland der OEEC und 1951 dem GATT bei. 1950 wurde unter Mitwirken von Erhard die Europäische Zahlungsunion gegründet. 1952 trat die Bundesrepublik der Weltbank bei, und Erhard wurde bis 1963 deren deutscher Gouverneur. Dem für sein Verständnis eher wettbewerbsscheuen und dirigistischen Aufbau der Europäischen Gemeinschaft (Montanunion 1952, Römische Verträge 1958) stand er hingegen von Anfang an kritisch gegenüber.
1963 wurde Ludwig Erhard zum Bundeskanzler gewählt. Unter seiner Kanzlerschaft bahnte FDP-Außenminister Walter Scheel eine Politik der Verständigung mit Osteuropa und der damals noch nicht anerkannten DDR an. Als 1964/65 erstmals ein Haushaltsdefizit auftrat, kam jedoch weder von der amerikanischen Regierung, noch von der CDU/FDP-Koalition oder den Gewerkschaften Unterstützung für Erhards Versuche, durch einen Sparkurs einen Haushaltsausgleich zu erreichen. Nach dem Rücktritt aller seiner FDP-Minister am 1. Dezember 1966 musste schließlich auch Erhard selbst zurücktreten. Die für das Wirtschaftswunder der Erhard-Ära charakteristische verteilungspolitische Enthaltsamkeit war im anbrechenden Konsumzeitalter politisch nicht mehr durchsetzbar. Erhard starb am 5. Mai 1977.
Zum Werk
„Die Begriffe ‚frei’ und ‚sozial’ decken sich nämlich; je freier die Wirtschaft ist, um so sozialer ist sie auch.“
Mit diesem prägnanten Motto meinte der wortgewandte und immer wieder auch publizistisch tätige Wirtschaftsminister, dass nur eine freie Marktwirtschaft dank hohem Produktivitätswachstum einen Wohlstand ermöglichen kann, der allen Bevölkerungskreisen zugute kommt. Eine solche Wirtschaftspolitik sei aber weniger Sache einer interventionistischen Steuerungspolitik als Sache einer sowohl wirtschaftlichen als auch gesellschaftlich-ethischen Ordnung.
Grundlage dieser wohlstandsfördernden wirtschaftlichen Ordnung ist aus der Sicht Erhards der freie Preismechanismus. Er sollte bewusst hergestellt und aufrechterhalten werden, und zwar auch gegen die ständigen Selbstschutzversuche sowohl der politischen wie auch der wirtschaftlichen Akteure. Erhards Eintreten für den freien Preismechanismus war zugleich ein Kampf gegen jede Form preisverzerrender Auswüchse, wie etwa die Aufrufe zu staatlichen Preiskontrollen und Preisbindungen, zu Wirtschaftssubventionen, zur Bindung des Außenhandels durch Devisenbewirtschaftung und Importkontrollen, oder auch durch wettbewerbsbeschränkende Monopole. Ziel einer solchen Ordnungspolitik ist die bestmögliche Einbettung der Wirtschaft in einen freien Weltmarkt, da so auch die fortschritts- und konkurrenzbedingten Strukturveränderungen am schnellsten möglich sind.
Die Soziale Marktwirtschaft bedarf nach Erhard auch einer ethischen Ordnung: Leistungsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein seien gefragt, sowohl bei den Arbeitgebern als auch bei den Arbeitnehmern. Selbstschutzreflexe wie etwa Korporatismus, Wettbewerbsbeschränkungen oder übermäßige Lohnansprüche seien zu verhindern.
Freier Unternehmergeist und Leistungsfähigkeit könnten erst dann allen zugute kommen, wenn sich nicht nur der Staat, sondern auch jeder Bürger sozialverantwortlich zeige. Auch wenn durch die Marktwirtschaft der Konsument in den Mittelpunkt gestellt wird, dürfe die Wohlstandsgesellschaft nicht in eine reine Konsumgesellschaft ausarten. Das Ziel der Gesellschaft sei letztlich nicht materieller, sondern geistiger und kultureller Art. Der Staat sei dabei oberster Schiedsrichter und Wächter der Gesellschaftsordnung, ohne in einen Verteilungs- und Wohlfahrtsstaat abzugleiten. Ziel – so Erhard – sei die „formierte Gesellschaft“, eine harmonische, klassenkampflose Gesellschaft, die dank „psychologischer Wirtschaftsführung“ zunächst einmal eine informierte Gesellschaft sein müsse. Durch wirtschaftswissenschaftliche Kenntnisvermittlung können Einzelinteressen und gesamtgesellschaftliches Interesse besser miteinander in Einklang gebracht werden.
Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus:
Nils Goldschmidt und Michael Wohlgemuth (Hrsg.): Grundtexte zur Freiburger Tradition der Ordnungsökonomik, Tübingen: Mohr Siebeck (Untersuchungen zur Ordnungstheorie und Ordnungspolitik 50) 2008, S. 497-503.

